Balver Krippe mit heimischen Gesichtern 

Erst zum Fest der Heiligen Drei Könige wird das Jesuskind, auf dem Schoß seiner Mutter stehend, erwartungsvoll dem hohen Besuch der Könige oder auch Weisen aus dem Morgenland entgegensehen. Noch aber, ab Heiligabend, liegt es in der Krippe. Im Stall, einem westfälischen Bauernhaus nachgebildet, wachen Mutter Maria und Vater Josef als fürsorgliche Eltern. Vier neue Darsteller betreten dann bald die Bühne, drei exotische Exzellenzen, eine davon mit ihrem Schleppenträger. Eine Bereicherung, die nur bei wiederholtem Besuch der Krippe wahrzunehmen ist. 

 

Krippenstandort in einer Grabkapelle 

Auf dem Podium von etwa 3 x 3 m haben auch in diesem Jahr wieder fleißige Helfer das Geschehen der Heiligen Nacht phantasievoll und eindrucksvoll geordnet. Beim Besuch der Balver St. Blasius-Pfarrkirche ist der Blick auf den Barockaltar in der Apsis der „neuen“ Kirche leider noch verwehrt. Erst nach endgültigem Abschluss der Restaurierungsarbeiten zu Beginn des neuen Jahres wird der Hochaltar wieder zu sehen sein. Links vom Altarraum sehen wir die Grabkapelle, in der 1933 Dechant Franz Amecke beigesetzt wurde. Hier findet seit etwa Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Weihnachtszeit die Krippe der Balver Kirchengemeinde ihren Platz. 

 

Eine wechselreiche Entwicklung

Julius Mormann, Bildhauer der „Wiedenbrücker Schule“, schuf in den Jahren 1942 bis 1955 diese Krippe, also das Krippengebäude und die figürlichen Darstellungen aus Holz. Schon am 25. Dezember 1944 wurde sie feierlich benediciert, zu diesem Zeitpunkt noch in minimaler Besetzung. Weitere Figuren sollten „nachgeliefert“ werden. So entstanden im Laufe von über 10 Jahren die Beteiligten am Krippengeschehen: die hl. Familie mit Mutter Maria und dem Jesuskind gleich zweimal, nämlich am Heiligabend und zur „Anbetung des Herrn“ am 6. Januar. Vor der Krippe befindet sich unter den Engeln der Verkündigungsengel, der, mit seiner Größe von 90 cm und seinem erhobenen Standort, alles überragt. Auf dem Weg zur Krippe eilen Hirten mit ihren Schafen und Bauern mit ihren Kindern. Später  betreten dann auch die drei Könige die „Bühne“. 

 

Hirten tragen bekannte Gesichtszüge

Beim genaueren Betrachten der Figuren, ihres Habitus, ihrer Haltung, vor allem aber ihrer Gesichtszüge, entdecken wir zwei damals örtlich bekannte Personen: 

Den Hirt mit dem Schaf in seinen Armen gab der Balver Bauer Hermann Hering in Auftrag. Er stellt seinen ältesten Sohn Hermann dar, der 1944 in Rußland starb und dort begraben wurde. Joe Hering, sein jüngster Bruder, erinnert sich, dass sein Vater auf diese Weise den Geldbetrag von 600 Mark verwendete, den Hinterbliebene gefallener Soldaten erhielten. Wilhelm Boeddicker, von 1933 bis 1958 Pfarrer der St. Blasius-Kirchengemeinde, berichtete dem Künstler am 19. November 1946: „Bauer Hering ist hocherfreut und will die Figur das Jahr über zu Hause behalten und nur zur Weihnachtskrippe in die Kirche bringen.“ Diese Regelung besteht bis zum heutigen Tage. 

Nicht wie allgemein verbreitet, verkörpert Pfarrer Wilhelm Boeddicker, ab 1957 auch Dechant des neu gebildeten Dekanates Balve, einen weiteren Hirten. Vielmehr überließ er  diese Ehre - allerdings mit großer Ähnlichkeit -  seinem Bruder, der seitdem  das Krippengeschehen als kniender Hirt bereichert. 

 

 

Krippenerwerb mit Hindernissen

Wirtschaftliche Probleme und finanzielle Engpässe verzögerten die Herstellung und Vervollständigung dieser Krippe immer wieder. Das spiegelt sich im jahrelangen begleitenden Briefwechsel zwischen dem Künstler Mormann und dem Balver Pfarrherrn wider: Notwendige Materialien konnten während des Krieges und in den Nachkriegsjahren nicht oder nur schwer beschafft werden. Die Währungsreform brachte neue Geld- und Sachwerte, vorrangige Arbeiten und Anschaffungen führten zu leeren Kassen, steigende Nachfrage hatte Preiserhöhungen zur Folge. Und es gab auch Differenzen. Davon zeugt der Briefwechsel zwischen Wiedenbrück und Balve. Daraus hier einige Auszüge :

Am 25. März 1942 schickte Julius Mormann ein Krippenmodell nach Balve und erläuterte „Ich hoffe, dass es heil war, dass die Figuren und Bäume noch standen und die Lichtanlage funktioniert.“ Noch stand nicht fest, in welcher Form die Krippe bzw. das Krippengebäude gestaltet werden sollte: „Die Form des Hauses könnte gewiss auch eine andere sein; auch eine Grotte wäre möglich. Aber unter Stall stellt man sich hierzulande doch meistens einen bäuerlichen Stall vor.“ Für 10.500 Mark offerierte Julius Mormann die gesamte Krippenanlage mit „Podium, Stall mit Gemälde, Stern und elektr. Lichtanlage, Figuren Holz, farbig getönt, 60 cm: Drei Heilige – vier Engel, Ochs u. Esel (Köpfe unter Raufe) – Mutter mit Kind – Vater – Anbetender Knabe – Alter Hirt, kniend – Hirt mit Sohn – Eilender Hirt, Eilender Knabe – Hirt mit Hut – Verkündigungsengel mit drei Hirten, 5 Schafe – Drei Könige mit einem Schleppenträger, Kamel und Treiber.“ 

 

Lieferprobleme für die Heilige Familie

Pfarrer Boeddicker akzeptierte diesen Preis, allerdings in der Erwartung, zum darauf folgenden Weihnachtsfest diese weiteren neuen Figuren präsentieren zu können. Daraus wurde aber nichts: Denn am 29. Dezember 1942 schrieb Mormann: „…Wichtige Umstände hinderten mich immer von neuem an der Arbeit für die dortige Krippe, bis ich zwei Monate vor Weihnachten wegen Krankheit alles ruhen lassen mußte.“ Pfarrer Boeddicker zeigte am 5. Januar 1943 viel Verständnis: „Es freut mich, daß Sie im kommenden Jahre an unsere Krippe wollen. Wir haben im vergangenen Jahre fleißig für dieselbe gesammelt. Darum werde ich Ihnen heute sowohl von der hiesigen Sparkasse als auch durch die Spar und Darlehnskasse je einen Teilbetrag überweisen lassen.“ 9000 Reichsmark wechselten an diesem Tage den Besitzer. Damit war das Geld zwar auf seinem Konto, „aber auch in diesem Jahr“, schrieb Mormann am 30. November, „wird es mir nicht gelingen, die ersten Figuren zu Weihnachten abzuliefern. Das Jesuskind ist zwar fertig, aber Maria und Josef nur zur Hälfte…“

Im Dezember 1944 war die Krippe dann doch mit ihren wichtigsten Protagonisten ausgestattet und wurde, so notierte der Balver Pfarrer in seiner Chronik, „feierlich benediciert.“, also geweiht. 

 

Das Engelchen gehört in die Giebelnische! 

In den Folgejahren lieferte der Wiedenbrücker Künstler nach und nach weitere der bestellten Krippenfiguren: Rechtzeitig zu Weihnachten 1945 trafen ein Hirt und ein Engelchen ein. Mormann gab Anweisungen und bewies dabei Sinn für Praktisches: „Der Hirt gehört an den Zaun links; ich bitte ihn so aufstellen zu lassen, dass er ein Bein über den Zaun auf die zweite Latte stellt und seine rechte Hand auf den Zaunpfahl stützt Das Engelchen gehört in die Giebelnische; damit es während des Jahres, etwa auf dem Bücherschrank, aufgestellt werden kann, ist der Sockel beigefügt.“ 

Wiederum zwei Jahre später, am 21. Dezember 1947, bedankte sich Dechant Boeddicker für den gelieferten „Stehenden Hirt“: „Die Gemeinde wird bestimmt viel Freude daran haben.“ Und weiterhin sehr geduldig, fügte er hinzu: „So wird die Krippe jedes Jahr vollkommener und schöner.“ Auch damit zeigt sich der Balver Geistliche im Kontakt mit dem Wiedenbrücker Bildhauer wieder einmal als sehr geduldiger Auftraggeber. 

 

Ein Engelchen finanziert die Reisekosten

Mormann wollte schon seit langem nach Balve kommen, dort selbst „seine“ Krippenanlage in Augenschein nehmen. Um diese Fahrt finanzieren zu können, bat er am 23. Juli 1948: „Auch heute scheue ich noch die Kosten der Fahrt; eine Erleichterung wäre es mir, wenn ich Ihnen schon eine neue Krippenfigur, etwa ein Engelchen, mitbringen dürfte. Ich bäte hierfür um 150 M, wenn auch in Raten bis Weihnachten.“ Darauf Boeddicker am 25. Juli 1948: „Die Krippenfigur dürfen Sie ruhig mitbringen. Ich denke doch, daß ich sie bis Weihnachten bezahlen kann, trotzdem der Währungsschnitt auch uns sehr weh tut.“ „Im übrigen“, so der Balver Pfarrer dann am 20. September, „werden wir aus Sparsamkeitsgründen für das kommende Weihnachtsfest von weiteren Anschaffungen absehen müssen. Wenn es uns wieder besser geht, dann werde ich mich mit meinen Wünschen wieder an Sie wenden.“ 

 

Drei Könige kommen gerade noch rechtzeitig

Es herrschte Funkstille – zweieinhalb Jahre lang! Eine Neubelebung erfolgte wohl erst Anfang 1953. Denn am 21. Februar d. J. schrieb Mormann: „Von Ihnen ein Lebenszeichen, dazu eine Anfrage zu erhalten hat mich wirklich gefreut.“ Damit nahm die in Balve schon so lange gewünschte Erweiterung der Figurengruppe vor der Krippe im wahrsten Sinne des Wortes Gestalten an: Nachdem im Laufe des Jahres insgesamt 1.895 DM ihren Besitzer gewechselt hatten, konnten die Heiligen Drei Könige, eine Figurengruppe mit dem „Stehenden König“, dem „Knienden König“ und dem „Mohr mit Diener“, damals  - gerade noch rechtzeitig -  die Krippenlandschaft betreten. Sie werden seitdem freudig begrüßt vom Jesuskind auf dem Schoße seiner Mutter – ebenfalls als Figuren gerade neu geschaffen. 

Der Brief Mormanns vom 22. Oktober 1955, im Pfarrarchiv der St.-Blasius-Kirchengemeinde sein letzter zur Balver Krippe, kündigt wohl die Vollendung an: Die Figurengruppe Vater und Sohn oder Großvater und Enkel solle 670 DM kosten. 

 

 

Umzug in den neuen Kirchenteil

Damit endet die lange und wechselhafte Geschichte über das Werden und Wachsen der Krippe mit ihren Höhen und Tiefen in der St.-Blasius-Pfarrkirche zu Balve. Vieles, wenngleich auch nicht alles, konnte der Bildhauer Mormann von seinem ursprünglichen Plan im Laufe der über 12 Jahre verwirklichen. Das betrifft vor allem die markanten Figuren. Deutlich verkleinert wurde jedenfalls bald darauf die Grundfläche des Krippengeschehens, das so genannte Podium. Das war wohl Folge des Umzugs aus der Apsis der alten in den vorderen Raum der neuen Kirche. Der Ausstrahlung, die von dem dargestellten Geschehen in der Balver Krippe ausgeht, hat dies keinen Abbruch getan. Dafür sorgen die sorgfältig gearbeiteten Figuren der heiligen Familie, der anbetenden Engel, der herbeieilenden Bauern und Hirten mit ihren Schafen. Aber gerade das Krippengebäude als westfälisches Bauernhaus , eingebettet in die Balver Landschaft, vermitteln eine vertraute Beziehung des Betrachters zum dargestellten Geschehen vor 2000 Jahren. 

 

Und auch in diesem Jahr erwarten wir das erneute Eintreffen der Heiligen Drei Könige. Sie werden nicht nur vom Jesuskind, das zuvor aus der Krippe heraus hinüber auf den Schoß seiner Mutter wechselt, mit großer Spannung erwartet. Auch die Kinder vor der Krippenanlage werden dann diesen Austausch und weiteren Zuwachs der Figuren bei einem erneuten Besuch der Balver Krippe sicher mit Staunen betrachten. 

 

Pfarrarchiv St. Blasius Balve 

Berichtsstand 2014