Balver Kanzel-Reliefs finden sich im Stockumer Pfarrgarten wieder

von Rudolf Rath und Konrad Schmidt

 

In Privathaushalten wie in Kirchenräumen beobachten wir gleiche Entwicklungen: Raumempfinden und Ausdrucksformen ändern sich im Wechsel der Generationen. Die ästhetische Gestaltung unserer Wohnungen bleibt nicht über Jahrzehnte identisch. Kein Wunder, dass im privaten wie öffentlichen Umfeld immer wieder umgeräumt, beiseite geschafft, weggeworfen und neu gestaltet wird.

In den 1960er Jahren kam es im gesamten Bereich des Erzbistums Paderborn in zahlreichen Kirchen zu Restaurierungen und Erweiterungsbauten.“ Armut ist der beste Konservator.“ Das ist richtig. Wirtschaftliche Prosperität jedoch beflügelte in diesem Jahrzehnt mutige, manchmal aggressive Restaurierungen.

Im Jahre 1962 wurde die Balver Kirche restauriert – ganz dem Zeitgeschmack entsprechend. Die Linienführung aller Architekturelemente durfte nicht durch Einbauten (Bühnen jeder Art) „gestört“ werden. Eine Kanzel am Pfeiler unterbrach angeblich die ästhetische Wirkung von Pfeiler oder Säule. Kein Wunder, dass sich auch in der Bauabteilung des Erzbischöflichen Generalvikariates die „Puristen“ durchsetzen und mit den Verantwortlichen im Kirchenvorstand in Balve erreichten, dass die Kanzel am Pfeiler als unpassend empfunden und deswegen abgerissen wurde. Die Kanzelreliefs deponierte man zunächst im Pfarrhaus; sie standen allerdings „im Wege“, als dieses 1997 zur Restaurierung anstand.

Der mit der „Baumaßnahme Pfarrhaus Balve“ beauftragte Bauunternehmer Ferdinand Schmidt aus Dörnholthausen (älterer Bruder von Konrad Schmidt) bekam auf seine Frage, was denn mit diesen Heiligen- Reliefs geschehen solle, eine eindeutige Antwort: „Wenn Du sie gebrauchen kannst, nimm sie mit. Sonst fliegen sie in´s Müll.“ Diese Auskunft des damaligen Pfarrers stach ins Herz. Von seiner Oma wusste Ferdi Schmidt, dass sakrale Gegenstände wie Kreuze und Heiligenbilder, Reliefs mit religiösen Inhalten und Skulpturen allenfalls sorgfältig begraben oder für späteren Gebrauch aufbewahrt werden, niemals aber auf einer Müllkippe landen dürfen. Aus dem Gesamtprogramm der fünf Reliefs lud er zwei auf seinen Wagen, nahm sie mit nach Dörnholthausen; die anderen drei waren ohnehin schon in die Grundmauern des Kindergartens verschwunden.

Als im Sommer 2011 Konrad Schmidt als Pensionär ins leer stehende Stockumer Pfarrhaus zog, sah Bruder Ferdinand die Möglichkeit, diesen Reliefs eine angemessene Bleibe zu besorgen. Auf einem Betonsockel – mit Klinker-Ummantelung und Sandsteinabdeckung - kamen der hl. Petrus Canisius (1521 – 1597) und der hl. Engelbert (1185 – 1225), Erzbischof von Köln, im Bergischen Land erschlagen, angemessen erneut zur Geltung.

Eine Anfrage aus Stockum bei Pfarrer Andreas Schulte in Balve kam zuständigkeitshalber in die Hände des Verwalters des Pfarrarchivs Rudolf Rath und rief bei ihm Überraschung und große Freude hervor. Die schlichte Frage nach der Einordnung in das inhaltliche Gesamtprogramm der beiden in Stockum gelandeten Heiligen löste eine intensive Beschäftigung mit der Balver Kanzel aus.

Der Bildhauer Julius Mormann aus Wiedenbrück i. Westf. offerierte am 17. Mai 1934 dem damaligen Pfarrer Wilhelm Boeddicker für die Pfarrkirche St. Blasius in Balve eine „Kanzel … ca. 2,15 m hoch 92 cm i.L. weit, in hartem Baumberger Sandstein ausgeführt, ... mit Darstellungen des Erlösers und der vier Evangelisten in Relief…“ Erst seit einem Jahr führte der Pfarrer die Kirchengemeinde. Sein Vorgänger, der im Februar 1933 verstorbene Dechant Franz Amecke, hatte den neuromanischen Gebäudeteil nach den Plänen des Dombaumeister Prof. Joseph Buchkremer aus Aachen in den Jahren 1910 – 1912 erbauen lassen. In diesem Oktogon sollte die aus diesen Jahren stammende einfache Holzkanzel ersetzt werden. Zuvor schon, das beweist ein weiterer Brief vom selben Tage, hatte sich der Künstler „in Paderborn“ abgesichert. „Nachdem auch Herr Professor Fuchs nach Vorlage der Modelle die Kanzel mit den Figuren für die Geeignetere hielt, habe ich dieses Modell weiter durchgebildet.“ Mormann erhielt schon am 22. Mai d. J. den Auftrag, allerdings mit der Maßgabe, „dass wir anstatt der vier Evangelisten auch andere Heilige nehmen können. Es wurde nämlich angeregt, deutsche Heilige, vor allem solche, die in der hiesigen Gegend gelebt und gewirkt haben, zu wählen“, allerdings auch in der Erwartung, „dass sich der Preis dadurch nicht erhöhen wird.“ Das war offensichtlich kein Problem, denn schon zwei Tage später versicherte der Bildhauer: „Die Änderung der Darstellungen verursacht keine Mehrarbeit und keine Mehrkosten. Die Kanzel wird interessanter werden!“

Etwas irritierend für übliches Verwaltungshandeln – nicht nur im kirchlichen Bereich – mag der zügige zeitliche Ablauf im Jahre 1934 erscheinen: Angebotsanfrage am 17. Mai und Auftragsvergabe am 22. Mai, Beschlussfassung des Kirchenvorstandes am 12. Juni und Genehmigungserteilung seitens des Erzbischöflichen Generalvikariates Paderborn am 20. Juni. Zumindest aus diesen Daten wäre zu erschließen, dass Beschluss und Genehmigung zur neuen Kanzel erst nach Schaffung vollendeter Tatsachen erfolgten. Vielleicht war das auch deshalb kein Problem, weil die künstlerische Gestaltung mit dem Prof. Fuchs, dem Fachberater des Bauamtes im Erzbischöflichen Generalvikariat Paderborn in allen künstlerischen Fragen, abgestimmt worden war. Vor allem aber konnte die Pfarrgemeinde die Rechnung Mormanns in Höhe von 3.572 Mark – hinzu kamen noch rund einhundert Mark an Transport- und Aufbaukosten – vollständig aus „eigener Tasche“ bezahlen; das lässt auf üppige Kollekten-Einnahmen und großzügige Spendenbeträge schließen.

Ludgerus, Engelbert, Petrus Canisius und Albertus Magnus - diese Heiligen -Auswahl traf der Pfarrer und teilte sie dem Bildhauer in Wiedenbrück am 25. Juni mit. Mormann stellte seine Entwürfe zu dieser Auswahl Prof. Alois Fuchs, dem Diözesankonservator, vor, der sich – so berichtete Mormann am 30. August nach Balve - für die „streng frontale Darstellung“ aussprach. Nach weiterer Abstimmung zwischen dem Bauamt in Paderborn und dem Balver Bauherrn gestaltete der Wiedenbrücker Künstler die Außenwandung der Kanzel mit den Reliefs.

Eingeweiht wurde die neue Kanzel am 2. Dezember 1934. Dazu erläuterte die örtliche Hönne-Zeitung: „Der Ernst der Zeit hat es wohl angemessen erscheinen lassen, das neue Kunstwerk schlicht und würdig in Sandstein ausführen zu lassen. .. Auf wuchtigem Sockel aufgebaut, bringt die Kanzel nach fünf Seiten hin in erhabener Arbeit fünf Heiligengestalten. Die mittelste Fläche nimmt der Salvator mundi ein, der Erlöser der Welt, also der Heiland selbst, dessen Worte die Kirche trägt. An den weiteren Flächen bringt der Künstler statt der sonst vielfach üblichen vier Evangelisten vier deutsche Heilige, die uns besonders nahe stehen, nämlich die beiden großen heiligen Kirchenlehrer Petrus Canisius und Albert den Großen sowie den heiligen Erzbischof und Märtyrer Engelbert von Köln und den ersten Bischof von Münster Sankt Lutgerus. Da die beiden Kirchenlehrer, unsere deutschen Landsleute, beide erst von Papst Pius XI. heilig gesprochen und zu Kirchenlehrern erklärt, den Ruhm der Kirche und auch ihres eignen Volkes bilden, ist ihre Darstellung besonders zeitgemäß und willkommen.“

Auf dem Andenkenzettel zur Osterkommunion 1955 stellte die Pfarrei St. Blasius die fünf Reliefs vor und erläuterte die vier Heiligen, die – so heißt es zu Beginn des Textes – „neben der Gestalt des Heilandes besondere Beziehungen zu unserer Heimat haben.“ So sicherte sie eine vollständige Darstellung, ohne auch nur zu ahnen, dass dieser neuen Kanzel kein langes Leben gegönnt sein würde. Das ahnten natürlich auch nicht die Jungen, die in diesen Jahren während der Mess-Feiern und Andachten unmittelbar vor dieser Kanzel an der nordöstlichen Säule im Oktogon der Kuppel ausharren mussten – ohne Stütze und Sitzbank: Ein kräftiger Schubs vom Hintermann brachte alle aus dem Gleichgewicht; der „Domino-Effekt“ setzte sich bis zur ersten Bank fort. Wer in diesem Erlebnis-Umfeld vor der Kanzel gehockt hat, erinnert sich bestens an die fünf „Figurenbilder“. Mit der Umsetzung der Anregungen und Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzil verschwand beides: die kleinen Kniebänke für die Kinder und gleichermaßen die beeindruckende Kanzel. Das war im Jahr 1962, ein Jahr nach dem Amtsantritt von Dechant Josef Löcker. Nur 28 Jahre waren der Kanzel vergönnt gewesen. Denn 1934, ebenfalls nur ein Jahr nach Beginn seiner Tätigkeit in Balve, hatte Dechant Wilhelm Boeddicker sie errichten lassen.

Die per Zufall getroffene Auswahl der beiden Heiligen ist am neuen Standort in Stockum sehr aussagekräftig. Der in Nimwegen – damals zum Herzogtum Geldern gehörend - geborene Jesuit Petrus Canisius trat nach seinen Studien in Köln als erster Deutscher 1543 in Mainz in die „Gesellschaft Jesu“ ein. Seit 1549 wirkte er unermüdlich für die Erhaltung und Erneuerung des katholischen Glaubens in Deutschland, Böhmen und der Schweiz. Der Bischof von Augsburg wurde auf ihn aufmerksam und berief ihn als seinen Theologen zum Trienter Konzil .Danach war Petrus Canisius maßgeblich beteiligt am Neuaufbau der durch die Glaubensspaltung erschütterten deutschen Kirche. Als Prediger und Katechet, als Seelsorger und Berater bewahrte er allzeit kluge Mäßigung und nachsichtige Geduld. Seine Katechismen wurden grundlegende Unterrichtsbücher für Kinder und Erwachsene – bis in unsere Gegenwart. Am 21. Dezember 1597 starb er in Fribourg / Schweiz. Dort ruhen seine Gebeine in der Kirche des Michaelskollegs. Im Relief ist er – wie üblich - in Jesuitentracht mit Buch dargestellt.

Der hl. Engelbert unterstreicht den ursprünglichen Bezug des südlichen Sauerlandes zu Köln. Das „kurkölnische Sauerland“ gehörte zum Erzbistum Köln, bevor es nach den napoleonischen Kriegen und der Neuregelung des Wiener Kongresses (1815) zum Bistum Paderborn kam. Am 16. Juli 1821 erfolgte eine Neuordnung der kirchlichen Verhältnisse in den preußischen Gebieten durch die Päpstliche Bulle De salute animarum. Das kleine Bistum Paderborn wurde bedeutend vergrößert. Stockum gehörte seit der Schenkung durch Erzbischof Warinus (976 -985) an das Kölner Andreas-Stift zu Köln. Sprechender Zeuge für diesen historischen Bezug zu Köln ist im Stockumer Pfarrgarten der hl. Engelbert. Engelbert I. wurde 1185 als Sohn des Grafen Engelbert von Berg geboren; 1216 wählte ihn das Domkapitel zum Erzbischof von Köln. Friedrich II. ernannte ihn zum Reichsverweser und zum Vormund seines Sohnes Heinrich, den Engelbert 1222 in Aachen zum König krönte. Engelbert war auf die Bewahrung des Landesfriedens sowie auf den Schutz der Klöster vor den Bedrückungen der adligen Vögte bedacht. Sein Vettersohn Friedrich von Isenburg, Vogt des Stiftes Essen, wollte den Erzbischof gefangen nehmen. Er überfiel ihn am 7. November 1225 bei Gevelsberg. Als Engelbert sich zur Wehr setzte, wurde er erschlagen. Seine Gebeine ruhen heute in einem prachtvollen Barockschrein im Kölner Dom.

Zu solch gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Balve und Stockum wird es nicht kommen, wenngleich sehnsuchtsvolle Gedanken sich die glücklich erhalten gebliebenen Reliefs auch in Balve vorstellen können. Ohne späteren Vereinbarungen vorzugreifen, sind Pfarrer und Archivar von Balve zunächst zu einem Besuch mit Kaffeetafel in den Pfarrgarten von Stockum eingeladen.

 

Verfasser:

Monsignore Prof. Dr. Konrad Schmidt, Stockum, und

Rudolf Rath, Archivpfleger St. Blasius Kirchengemeinde Balve

Oktober 2014

 

 

Nur diese beiden der ursprünglich fünf Reliefs fanden im Stockumer Pfarrgarten eine würdige Bleibe (Foto: K. Schmidt)
Nur diese beiden der ursprünglich fünf Reliefs fanden im Stockumer Pfarrgarten eine würdige Bleibe (Foto: K. Schmidt)
S. Petrus Canisius und S. Engelbert mit weiteren Heiligenreliefs an der Kanzelwandung in "streng frontaler Darstellung" (Foto: Archiv / Osterzettel 1955)
S. Petrus Canisius und S. Engelbert mit weiteren Heiligenreliefs an der Kanzelwandung in "streng frontaler Darstellung" (Foto: Archiv / Osterzettel 1955)
Pfarrkirche St. Blasius, neuer Teil von 1912 in ursprünglicher Gestaltung mit der ehemaligen Kanzel (Foto: Archiv)
Pfarrkirche St. Blasius, neuer Teil von 1912 in ursprünglicher Gestaltung mit der ehemaligen Kanzel (Foto: Archiv)