Die St. Pius IX.-Kapelle - Zeichen katholischen Widerstandes
Zum 125. Todesjahr des Sel. Papst Pius IX

von
Dr. Reinhard Richter

Papst Pius IX (1846 - 1878) gehörte schon zu Lebzeiten zu den umstrittensten Persönlichkeiten. Liberale und Fortschrittsgläubige, eingepackt im Gewand der nationalen Leidenschaften für ein geeintes Italien, hatten ihn anfangs umjubelt, später so gemieden, dass Steine gegen seinen Sarg geschleudert wurden. Das unruhige 19. Jahrhundert hatte es diesem Papst nicht leicht gemacht und umgekehrt wohl auch nicht. Und die Kirche wurde in dieser Zeit mit dogmatischen Klarstellungen beschenkt, die heute noch manchen als sperrige Zumutung für einen aufgeklärten Christen erscheinen. Papst Johannes Paul II hat Pius IX mit Johannes XXIII seliggesprochen und damit die Konzilspäpste des I. und II. Vaticanums der Kirche in das Erinnerungsbuch geschrieben; mehr noch: der Verehrung empfohlen.
Im sauerländischen Balve erhebt sich inmitten eines lichten Wäldchens auf dem Husenberg eine hochragende Kapelle, die an eine schwere Zeit der deutschen Katholiken erinnert. Über dem Portal ist das vierteilige Wappen „Pio Nonos“, leider vom Zeitenregen ausgewaschen, zu sehen.

Am 7. Februar 2003 haben die Balver Katholiken die 125. Wiederkehr des Todestages Pius IX mit einer lateinischen Hl. Messe begangen. Viele waren gekommen, auch bei klirrender Kälte. Die Kapelle erinnert nicht nur an den Papst, sondern auch an eine schwere Zeit der Katholiken in Deutschland, an die Kulturkampfzeit unter Bismarck. Was war geschehen?
Mit dem erzwungenen Rückzug Pius IX aus der politischen Herrschaft setzte im katholischen Europa, auch bei vielen Protestanten, eine bislang unbekannte Papstbegeisterung ein. Die Katholiken mussten sich der Übergriffe der neuen Nationalstaaten und der Liberalen erwehren. Auch in Preußen-Deutschland spitzte sich im „Kulturkampf“ die Situation zu. Katholiken galten als national unzuverlässig, da sie einem „ausländischen“ Staatsoberhaupt folgen würden. Bismarck versuchte aus innenpolitischen Gründen durch die „Maigesetze“ das katholische Leben in Preußen-Deutschland zum Erliegen zu bringen.

Auch in Balve waren die Auswüchse zu spüren: Ab 1871 hatte der Seminarpriester F. A. Höynck die volle Verwaltung der Pfarrei übertragen bekommen. Der hochbetagte Pfarrer Franz Anton Wulf konnte die Aufgaben nicht mehr wahrnehmen. Nach dem Erlass der „Maigesetze“ wurde am 16. Juni 1875 das Vermögen der Pfarrei dem Amtmann Schlüter unterstellt und die pfarrliche Verwaltung übergeben. An diesem Tag der Beschlagnahmung wollte die Pfarrgemeinde den 30. Jahrestag der Thronbesteigung Papst Pius IX festlich begehen. Die äußere Feier war unter Auflagen genehmigt worden: Keine Schießereien, kein Fackelzug und keine Illuminierungen! Doch wie es der „Zufall“ wollte, knallte es in den Bergen in den frühen Morgenstunden. Das zum Anlass nehmend, rückten die Amtsgendarmen und Amtmann Schlüter nachmittags vor. Am Vormittag war die alte Haushälterin von Pfarrer Wulf beerdigt worden und Verwandte, Gäste befanden sich beim Mittagsmahl zu Ehren der Verstorbenen. Der Amtmann ließ sich davon nicht abhalten und verlangte um 14.00 Uhr vor dem Pfarrhaus die Herausgabe der Akten. Der Pfarrverwalter und die Vikare verweigerten die Herausgabe. Doch der preußische Amtmann verlangte Folgeleistung und forderte seinen Polizeidiener Christiani auf, die Aktenschränke im Hause aufzubrechen. Doch der Polizeidiener verweigerten den Befehl. Draußen auf dem Kirchplatz versammelte sich großes Volk, das erst auseinanderging, als die Geistlichen zur Beruhigung der Situation darum baten. „Hoch-Rufe“ auf Papst Pius IX erschallten. Gegen 21.30 Uhr musste die Staatsaktion beendet gewesen sein. In der Nacht ertönten kräftige Böller zu Ehren des Papstes und Illuminierungen fanden trotz staatlichen Verbots statt. Der katholische Widerstand hatte zwar dem Amtmann Schlüter in die Schranken gewiesen, doch nicht verhindern können, dass die kirchliche Vermögensverwaltung künftig dem Kirchenvorstand und der kirchlichen Gemeindevertretung unter Aufsicht des staatlichen Kommissars übertragen wurde. Die heimischen Katholiken bekamen die Repressalien der preußischen Regierung in Arnsberg voll zu spüren: Nach dem Tode Pfarrer Wulfs wurde Vikar Höynck die Ausübung des übertragenen Pfarramtes untersagt, ein Verbot für ganz Preußen übrigens! Tauf-, Trau- und Sterberegister wurden beschlagnahmt. Die Katholiken mussten sich an die Pfarrämter in Allendorf oder Enkhausen wenden. Laien nahmen die Bestattungen vor. Die Verbote wurden erst 1879/80 zurückgenommen.

In dieser unruhigen Zeit erwächst die Pius-Kapelle auf dem Husenberg. Vikar Christoph Adrian, der von 1869 bis 1886 an der Hönne als Priester wirkte, wollte anlässlich des 25-jährigen Papstjubiläums Pius IX zu Ehren eine Kapelle errichten. Über dem Portal steht das Datum „16. Juni 1871“, das an dieses Ereignis erinnert. Doch der neugotische Bau zog sich hin. Die erste Heilige Messe wurde am 1. Mai 1877 gefeiert und die Segnung erfolgte ein Jahr später durch Vikar Adrian, der nun auch die Pfarrei leitete. Vikar Adrian war in seinem Bauvorhaben eifrig. Er sammelte in der Balver Bevölkerung nicht unwidersprochen viel Geld und legte aus seinem Privatvermögen einiges hinzu. Der Vikar hatte das Grundstück für die Kapelle zuerst erworben und es 1886 der Pfarrei überschreiben lassen. 

Die Pius-Kapelle, heute von engagierten Gemeindemitgliedern gepflegt, ist ein Zeugnis des Balver Widerstands gegen preußisch-staatliche Bevormundung der Kirche, für uns Mahnung, für die Freiheit des Glaubens einzutreten. Unsere Vorfahren haben noch ohne Scham Hoch-Rufe auf den Papst erheben können, heute ist eher eine Kritik am Papst gewinnender. Was soll’s! Die katholische Kirche steht auf anderen Fundamenten als Meinungen. Dafür steht auch die Pius-Kapelle, nicht nur in brauner Zeit. Eben ein unbequemes Denkmal und Gotteshaus, das an den Papst erinnert, der 32 Jahre lang Papst war, länger als der hl. Petrus, der als Statue über dem Wappen des Seligen steht und segnend über Balve seine Hand erhebt.